Spüren und verstehen

Reiten ist so viel mehr als eine mechanische Kommunikation über Zügelhilfen und Beinkontakt. Lies hier, warum es wichtig ist, Körperbewusstsein zu entwickeln und wie Gefühle beim Reiten hilfreich oder auch hinderlich sein können.

Mit mehr Achtsamkeit durchs Leben gehen

Es beginnt mit dem ersten Schritt

Für mich gab es nicht den einen Moment, der alles veränderte, was mein Körperbewusstsein anging. Wie so oft im Leben war es ein schleichender Prozess, der mit Erkennen und Verstehen einherging. Es begann mit der Umstellung auf baumlose Sättel. Mein alter Wallach hatte über die Jahre in der Reitschule einen Senkrücken bekommen und wann immer ich den Sattel abnahm, sah es noch schlimmer aus als vorher. Ich erkannte, dass es so nicht weitergehen konnte. Auch waren seine Bewegungen abgestumpft und flach, wenn er sich denn überhaupt vorwärts bewegte.

Wenn Chaos zu Rhythmus wird

Es wurde ein Barefoot Sattel angeschafft. Während meiner Recherche kam immer wieder der Kritikpunkt auf, dass die Steigbügel punktuellen Druck auf den Rücken ausüben würden. Daher ritt ich in der Anfangszeit ohne Bügel und lernte angenehm auszusitzen. Mit der Betonung auf angenehm. In meinen Jahren als Reitschüler war mir das Aussitzen ein Graus gewesen, hieß es stets, einfach sitzen zu bleiben. Das ist für Reiter und Pferd ziemlich unangenehm. Ein stocksteifer Reiter, der irgendwie im Sattel bleiben will, ohne Körperbewusstsein, und das Pferd, welches dieses Chaos auf dem Rücken ausbalancieren muss. Das Aussitzen etwas Angenehmes, wenn auch anstengendes, ist, dass Pferd und Reiter helfen kann, einen Rhythmus zu finden, wissen die wenigsten Reiter – behaupte ich.

Bewegungen erspüren und zulassen

Ohne Bügel und mit einem passigen Fünfgänger unter mir, begann ich das erste Mal mich in die Bewegung hineinzuspüren. Wollte ich nicht runterfallen oder unsanft auf dem Rücken herumhopsen musste ich mich der Bewegung anpassen. Der Barefoot Sattel ließ mich jeden Muskel unter mir spüren. Ich begann mein Becken schwingen zu lassen und ließ mich von der Bewegung unter mir mitreißen. In einer der wenigen Reitstunden, die ich zu diesem Zeitpunkt noch besuchte, wurde mir diese neue Beckenbewegung sofort angekreidet und ich saß wieder still – und mein Pferd lief wieder steifer. Ich war dankbar, dass mein Sattel mir diese Nuancen vermittelte, denn es brachte mir meine Körperwahrnehmung näher.

Ein Bewusstsein entwickeln

Doch wie ging es weiter? Mein Pferd lief unter dem baumlosen Sattel sehr gut und der Rücken erholte sich, altersbedingt, gut. Mit der neuen Kraft und dem Aufbautraining am Boden kam die vergessen geglaubte Gangart Trab zum Vorschein. Für Isländer kann es schwierig sein die Gänge sauber zu zeigen und es bedarf viel Training. Im Sattel war aber noch kein Trab spürbar. Wenn er schneller lief, merkte ich, wie die Muskeln verspannten und mein Gesäß antwortete mit gleicher Muskelspannung. An diesem Punkt hatte ich schon das ein oder andere vom Centered Riding gelesen, einer Reitweise, in der der Körper von Pferd und Reiter ganz eng mit ins Training einbezogen wird. Aus den Beiträgen waren die Stichworte „Bewegung zulassen“, „Körperbewusstsein“ und „bewusst entspannen“ hängen geblieben. Dafür war einiges an Konzentration nötig.

Immer locker bleiben

Die angespannten Gesäßmuskeln musste ich bewusst locker lassen und darauf vertrauen, dass ich nicht abgeschüttelt wurde. Das Gefühl weicher Muskeln schien eben so einen Effekt auf den Rücken meines Pferdes zu haben, wie seine Muskelspannung auf meinen Hintern. Obwohl er nicht sofort locker wurde, war es deutlich angenehmer und einfacher, diese wackeligen Bewegungen in meinem Becken aufzunehmen und auszugleichen. Denn dafür sind Muskeln da – sie stabilisieren Bewegungsabläufe. Das können sie aber nur, wenn sie nicht unter Hochspannung stehen und andere Aufgaben erledigen müssen. Je lockerer und damit stabiler meine Bewegung wurde, desto lockerer wurde auch der Rücken meines Pferdes – bis hin zum ersten längeren Trab im Gelände.

Schön aussehen reicht nicht – es muss sich auch gut anfühlen

Ähnlich den Muskeln die wir trainierten, trainierte ich mein Gespür für feste Muskelgruppen. In der Zeit, die verging, kam ich an ein Einführungsbuch zum Centered Riding und damit an Übungen für mehr Körperbewusstsein. Lockere Oberschenkel, leichte Hände und mitschwingende Hüften waren Teil meiner Reitarbeit. Reiten fühlte sich plötzlich ganz anders an. Knieschluss und Fußspitzen die nach vorne zeigen mussten gehörten der Vergangenheit an und trotzdem blieb ich oben und konnte mein Pferd dirigieren. Es dämmerte mir, dass viele Sitzfehler gar nicht als Fehler anzusehen waren. Jeder Mensch ist anders gebaut und muss für sich entscheiden, was ihm gut tut. Die Form darf der Funktion nicht im Weg stehen, denn schön aussehen reicht nicht.

Natürliche Schiefe beim Reiter

Ich lernte loszulassen – schon wieder. Zu diesem Zeitpunkt war es aber tatsächlich das physikalische Loslassen/Lockermachen der Muskeln. Doch irgendwie bildete das schon die Grundlage für meine Erkenntnisse zum mentalen Loslassen, über die ihr hier mehr erfahren könnt. Mein Gespür für Muskelverspannungen wurde so gut, dass ich meine eigene Schiefe erkannte und nun daran arbeiten konnte. Das ich schief war, wusste ich aus vorherigen physiotherapeutischen Behandlungen. Doch woher die Schiefstände kamen, wusste ich bis dahin nicht. Ich entdeckte, dass meine Knie nicht gleichmäßig auf beiden Seiten lagen, und spürte, wie ich mein linkes Bein immer leicht nach oben gezogen wurde. Meine Muskulatur war ungleichmäßig verkürzt, was zu minimalen Ungleichheiten führte, die jedoch für mein Pferd deutlich spürbar waren. Denn so wie ich den Körper meines Pferdes wahrnehmen konnte, so konnte auch mein Pferd erkennen, ob da oben alles in Ordnung war. Und trotzdem klappte nicht immer alles.

Gedankenkontrolle erlernen

Das gegenseitige Spüren und Erfühlen ist nämlich Fluch und Segen zugleich. Die positiven Gefühle und Spannungen kommen beim anderen genauso an wie die negativen. War ich frustriert oder schlecht gelaunt, übertrug sich das direkt auf meinen alten Wallach. Hatte ich eine Blockade im Körper, lief auch er wieder steifer. Ich musste also nicht nur meinen Körper unter Kontrolle bringen, sondern auch meinen Geist. Wie ich das anging, könnt ihr hier nachlesen. Meine Gedanken und Gefühle sollten ebenso kontrollierbar werden wie meine Muskeln. Dies war um einiges schwieriger als gedacht. Muskelverspannungen lassen sich besser aufspüren als negative Gedanken, zumindest für mich.

Energie für sich arbeiten lassen

Einen Schritt weiter ging es dann mit der Energiearbeit. Im Beitrag zur inneren Ruhe schrieb ich von einer Energie in mir, die aufbrausend oder sanft sein kann, und die ich durch Konzentration lenken kann. Muskeln und Gefühle waren nun so weit unter Kontrolle, dennoch gab es immer wieder Probleme beim Wenden. Durch Zufall entdeckte ich einen Beitrag zur Energie im Bauch bei Richtungswechseln und probierte es aus. Wollte ich mein Pferd abwenden, waren zwar mein Blick und meine Hilfen korrekt und mein Wallach begann in die jeweilige Richtung zu schauen, doch sein Körper folgte dem nicht. Denn meine Energie war noch geradeaus gerichtet. Als ich bewusst meine Energie im Bauch ebenfalls in die Richtung zeigen ließ, veränderte sich dadurch noch minimal meine Hüftstellung und auch der Rest des Pferdekörpers folgte den Hilfen.

Übung macht den Meister

Bin ich nun ein Profireiter, dessen Pferd alles macht, was verlangt wird? Nein. Trotz des Wissens um meinen Körper, meine Gefühle und meine Energie wird es noch lange dauern, bis ich alles in meinen Rhythmus gebracht habe und alle Fäden zusammenlaufen. Ich werde immer mal wieder einen schlechten Tag haben oder eine Blockade haben. Ich muss darauf vertrauen, dass meine Pferde es mir nicht übel nehmen. Denn auch sie haben schlechte Tage und auch mal keine Lust etwas zu unternehmen. Dann liegt es bei mir ihnen genauso viel Verständnis entgegen zu bringen, wie sie mir. Denn sie sind echte Profis, was das Spüren von anderen Lebewesen angeht. Ich muss das erst (wieder) lernen.

Hattet ihr auch schon einmal das Gefühl, dass euer Körper sich beim Reiten nicht wohlfühlt? Habt ihr körperliche Einschränkungen? Wie geht ihr damit um und was zeigt euch euer Pferd?

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