Loslassen

Im Umgang mit Pferden ist Loslassen ein zentrales Thema. Es fängt mit dem gewollten Loslassen der Zügel an, über Freiheitsdressur auf Fingerzeig und geht bis zu dem Punkt, an dem man ein panisches Pferd loslassen muss, um nicht selbst gefährdet zu werden. Dabei wird gerne ein weiterer Aspekt des Loslassens völlig außer Acht gelassen: mentales Loslassen. Und darum soll es uns heute gehen.

Gib Zweifel, Ängsten und Ärger keine Chance - lass los!

Wie werde ich losgelassen? Oder wie lasse ich los?

Loslassen: was ist das überhaupt? Ein Seil kann ich loslassen, aber wie funktioniert das im Kopf? Googelt man „mentales Loslassen“, werden einem sofort Links für mentales Training angeboten. Ich soll lernen, bestimmte Gedanken von mir wegzuschieben und ziehen zu lassen und alte Gewohnheiten abschwören. Meditation ist eine oft gewählte Methode, um Herr über die eigenen Gedanken zu werden. Zugegeben, die stille Meditation ist mir noch nicht hilfreich gewesen. Ruhig sitzen und darüber nachzudenken nicht zu denken fällt mir sehr schwer. Abgesehen davon, sind es weniger diese ruhigen Situationen, in denen ich gerne loslassen möchte, sondern Situationen aus dem Leben (mit den Pferden). Hier habe ich jedoch ein paar meditative Erlebnisse gehabt, die zwar nur für den Moment hilfreich waren, aber einen bleibenden Eindruck hinterließen. Dazu gehörte zum Beispiel das konzentrierte Putzen/Massieren. Die gleichbleibenden Bewegungen sorgten für ein sehr entspannendes Gefühl – bei mir und beim Pferd. Nichtsdestotrotz wünsche ich mir manchmal, das Loslassen im Leben genauso einfach wäre wie bei meiner Arbeit mit den Pferden. Gut, einfach ist es nicht, aber es gelingt mir mit den Pferden besser als ohne sie. Denn ich habe einen gnadenlosen Meister vor mir, der mich in meinem Training führt und unterstützt.

Pferde als Spiegel meiner Gefühle und Gedanken

Pferde zeigen mir ungefiltert, was ich ausstrahle. Jeder Hauch von Zweifel, Ärger, Glücksgefühl oder Trauer wird gespiegelt. Um also ein unbelastetes Feld der Kommunikation zu ermöglichen, muss ich diese Gedanken aus dem Denken verbannen. Das bedeutet nicht, sie in eine dunkle Kiste zu packen und ja nie wieder anzusehen, doch im Moment sind sie mir hinderlich. Zweifel loszulassen fällt mir am schwierigsten. Ich denke gerne über Dinge nach, ihre Auswirkungen und mögliche Probleme. Es muss noch nie etwas passiert sein, doch allein die Möglichkeit des Scheiterns hält mich zurück – der Zweifel überwiegt. Besonders dann, wenn ein weiteres Lebewesen mit in meine Handlungen einbezogen wird. Es bedeutet, Vertrauen zu geben, Verlässlichkeit zu erwarten und Verantwortung in die Hände andere zu legen. Meinem Rentner übertrage ich sehr oft die Sicherheit für uns, wenn wir an schwierigen Stellen im Wald vorbeikommen. Ich lasse einerseits symbolisch die Zügel los und gebe andererseits innerlich jeglichen Gedanken von Kontrolle in diesem Moment auf: weil ich muss. Jeder Eingriff meinerseits könnte zu einem Stabilitätsverlust führen und damit gefährlich werden. Es gibt keine „Ich könnte im Zweifel..“ Gedanken, denn in diesem Moment gebe ich die Verantwortung ab – ich lasse los.

Vertrauen schenken und Zweifel loslassen

Anders sieht es bei meinem jungen Wallach aus. Hier merke ich sehr oft, wie mich meine Zweifel zurückhalten. Das liegt vor allem daran, dass ich viele Reaktionen von ihm noch nicht kenne und damit den Ausgang einer Situation nicht „berechnen“ kann. Halte ich deswegen fest? Ja und nein. Nur wer Vertrauen schenkt, kann Vertrauen empfangen. Ein prägendes Beispiel für mich war das erste Mal frei mit ihm auf dem Reitplatz zu arbeiten. Das Loslassen von der Leine war für mich ein mentales Loslassen von Kontrollmöglichkeiten. Damit einher ging ein tiefes Durchatmen und der Gedanke „Was solls“. Denn objektiv betrachtet, was hätte wirklich passieren können? Ein wildes Pferd, das sich erst einmal auspowern möchte? Dass es sich nicht wieder einfangen lassen wollte? Dass es über den Zaun springen sollte? Doch welches prinzipiell freundliche Wesen würde zu solchen dramatischen Handlungen übergehen, wenn keine Notwendigkeit vorliegen würde? Ich spreche hier von einem jungen Pferd, ohne viel Menschenkenntnis und einer Basis auf rein positiver Verstärkung. Kein Zwang, keine Bestrafung – nur die Neugier und das Lob. Mein geschenktes Vertrauen wurde belohnt und mein Wallach blieb auch ohne Seil in meiner Nähe. Schnuppern und schauen ist immer erlaubt, doch nach einem kleinen Schlenker kehrt er immer wieder zurück. Er ist der wahre Lehrmeister des Loslassens für mich, denn in gewisser Weise erwartet er mein Vertrauen in ihn. Doch nicht nur Zweifel musste ich lernen, loszulassen. Auch Ärger oder Ungeduld zählen zu meinen Lastern.

Flexibel sein und loslassen

In der Ausbildung auf Basis der positiven Verstärkung bin ich neu und, obwohl vieles enorm schnell von ihm umgesetzt wird, gibt es immer wieder Punkte, an denen es nicht vorangeht und die meine Ungeduld zum Vorschein bringen lassen. Wie ein verständnisvoller Lehrmeister so ist, bleibt er dann stehen und bewegt sich nicht mehr; genauso, wie auch ich in Gedanken schwer wie ein Stein geworden bin. In diesem Fall kann ich keine Kontrolle abgeben und doch muss ich loslassen. Es ist die Erwartungshaltung, die stört. Ich hatte erwartet, heute im Training so und so weit zu kommen, doch etwas lief schief und nun klappt es nicht so wie geplant. Pläne sind gut und schön, doch sich darauf zu versteifen nützt überhaupt nichts. Mit ihnen kann man das große Ziel gut im Auge behalten, aber der Weg dahin kann sich nahezu täglich ändern. Das soll nicht bedeuten sprunghaft zu werden, sondern einfach die Perspektive auf eine Aufgabe zu verändern. Es verlangt dazu einiges an Kreativität und Flexibilität. Loslassen bedeutet also auch, spontan zu sein und auf die Umwelt einzugehen. Ein bisschen das eigene Ego und die eigenen Wünsche leiser werden zu lassen und mehr auf das zu achten, was tatsächlich vor mir liegt.

Losgelassenheit – ein wichtiger Schritt auf der Ausbildungskala vom Pferd. Warum also nicht auch beim Reiter?

Denn, wer hätte es geahnt, wann immer ich losgelassen habe, lösten sich Probleme in Luft auf. Unsere Gedanken sind mit unserer Körpersprache verbunden, sonst könnten die Pferde auch nicht wissen, was in uns los ist. Ein festgehaltener Oberschenkel, und damit ein fester Pferderücken, können mit dem Loslassen der Gedanken in sekundenschnelle behoben werden. Daher sollte auch der Reiter stets imstande sein, sich losgelassen zu bewegen. Auf Wikipedia findet man beim Eintrag zur Losgelassenheit auch eine Bemerkung zur inneren Zufriedenheit des Pferdes. Denn auch das Pferd kann nur dann loslassen im Körper, wenn es mental nicht belastet wird. Da Reiten nun mal eine körperliche Zusammenarbeit von Pferd und Reiter erfordert, müssen für das Gelingen der Kommunikation auch beide Partner ganz bei der Sache sein.

Aber wer macht sich darüber ernste Gedanken? Ich bin jahrelang ohne die Kontrolle über meine Gedanken geritten und es hat auch irgendwie funktioniert. Vieles hat nicht so funktioniert wie erwartet und ich kann mich an einige Wutausbrüche, Tränen und Verzweiflungstaten erinnern. Doch das war irgendwie normal, denn andere hatten diese Probleme auch. Es gab ein paar Hinweise auf die Verknüpfung meiner Gedanken und der Bewegung des Pferdes, die besonders in spaßigen Momenten auftauchten. So war mir das Reiten von Richtungswechseln im Unterricht unglaublich schwergefallen, während es am Ende der Stunde beim Pferdefußball plötzlich funktionierte. Trotzdem dauerte es einige Jahre und zwei Pferde, bis ich begriff, dass meine Gedanken die Realität erschaffen und verändern können. Seitdem suche ich Fehler immer zuerst bei mir und nie am Pferd. Wenn etwas nicht klappt, atme ich tief durch und gehe anders an das „Problem“ heran. Ich spüre in meinen Körper, ob es irgendwo klemmt, und versuche dann die Muskeln oder Gedanken loszulassen, ohne meine positive Körperspannung zu verlieren. Darüber wird es auch noch einen Beitrag geben, falls dir dieser Begriff gerade nichts sagt. Überraschenderweise wurden viele Dinge dadurch sehr einfach für mich, was mich darin bestätigt, Losgelassenheit so ernst zu nehmen – ohne selbst zu ernst zu werden 😉

Doch wie hilft mir das Loslassen im Leben weiter?

Durch die Erlebnisse mit den Pferden habe ich das Aufgeben gelernt. Aufgeben von Plänen, aufgeben von Kontrolle. Es ist mir bewusst geworden, dass ich nicht alles kontrollieren kann und das schlichtweg akzeptieren muss. Würde ich dagegen ankämpfen wollen, wäre das verschwendete Energie. Stehe ich im Stau kann ich mich darüber ärgern oder es sein lassen. Die Situation an sich mag ärgerlich sein, doch ich kann nichts an ihr ändern. Hat dieser Stau Auswirkungen auf meine Pläne? Wahrscheinlich schon, doch ich bin flexibel genug, meine Pläne zu ändern. Steht ein wichtiger Termin an, den ich nun verpasse? Vielleicht. Doch ich vertraue auf das Verständnis der anderen. Entweder sie nehmen es hin oder nicht. In jedem Fall lässt es sich nicht ändern. Letzten Endes rückt das Verständnis davon, was wichtig ist und was nicht, in ein anderes Licht. Loslassen bringt Gelassenheit mit sich, darf aber nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden. Ich bin Teil dieser Welt und bin mir meiner Handlungen bewusst. Es ist mir nicht egal, was um mich herum passiert, aber ich habe gelernt, besser damit umzugehen.

Wünscht du dir loslassen zu können? Was denkst du, hindert dich daran? Hast du einen Tipp, das Loslassen noch besser zu erlernen? Dann hinterlasse doch einfach einen Kommentar und ich komme gerne auf dich zurück.

2 Beiträge zu “Loslassen”

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