In der Ruhe liegt die Kraft

Mehr als nur ein Sprichwort, denn es beeinflusst den Umgang mit Pferden extrem. Es ist erstaunlich, wie viel Kraft man aus einer ruhigen Überlegung schöpfen kann. Im letzten Beitrag ging es um das Loslassen. Ich schrieb über meine Schwierigkeiten und meinen Erfahrungen und würde euch empfehlen, kurz einmal in den Beitrag zu schnuppern, bevor es hier zum Thema innere Ruhe weiter geht.

innere Ruhe und Energie zentrieren

Wilder Fluss oder ruhiger Bach?

Innere Ruhe zu finden und Loslassen sind eng miteinander verbunden, jedoch nicht das gleiche. Für mich kommt Loslassen an erster Stelle, erst dann ist es möglich, zur Ruhe zu kommen. Doch wozu muss ich ruhig sein? Das Leben steht nie still und alles ist im Wandel. In sich ruhen und stillstehen sind ebenfalls zwei ganz unterschiedliche Dinge. Ein Fluss kann wild sprudeln und auch ruhig vor sich hin plätschern, aber er wird nie stillstehen. Während er wild sprudelt, wird Energie freigesetzt, die einen Baum am Ufer entwurzeln kann. Fließt er hingegen ruhig, sucht er den Weg des geringsten Widerstandes und gräbt sich mit der Zeit seinen Flusslauf. Das macht die Ruhe so besonders: Ich kann meine Energie besser kontrollieren und einsetzen. Bin ich immer wild und aufgeladen, braucht es viel mehr Kontrolle über diese Energie und es kann leichter passieren, dass ich ausversehen einen Baum entwurzel, metaphorisch gesehen. Oder mein Pferd im Training überschätze, etwas riskiere und über die Stränge schlage.

Energie im Körper

In verschiedenen Kulturen wird der Körperenergie weitaus mehr Beachtung geschenkt, als in unserer westlichen Kultur. So dienen unteranderem die Heilmethoden der Akupunktur und Akupressur dazu, geschwächte oder blockierte Energieströme erneut zum fließen zu bringen und damit Heilprozesse in Gang zu setzen. Für den einen oder anderen mag es eine Spinnerei sein, die Erfahrung hat mich jedoch eines besseren belehrt. Bereits ganz einfache Energiearbeit ist möglich durch Handauflegen. Die Wärme der Hand kann genutzt werden, um an schmerzenden Stellen für Linderung zu sorgen. Wärme ist schließlich auch eine Form der Energie. Jeder, der schon einmal eine Massage bekommen hat, weiß, wie sich das körperliche Wohlbefinden dadurch steigern kann. Daher möchte ich euch heute das Thema „innere Ruhe“ und „Energie“ etwas näher bringen. Vielleicht habt ihr das ein oder andere auch selbst schon einmal erlebt.

Zu innerer Ruhe gelangen

Es sei gesagt, dass ich meinen Ruhepol noch nicht auf Knopfdruck finden kann – Übung macht den Meister. Doch mithilfe meiner Pferde kann ich immer schneller mein Gleichgewicht finden (Es helfen auch andere Tiere, wie z.B. Katzen). Am Anfang ist in mir ein Gefühl der Zerrissenheit oder auch der Zerstreutheit. Das kommt in verschiedenen Situationen vor, meistens aber wenn ich aufgeregt bin. Ich mag keine Konfrontationen und gehe diesen gerne aus dem Weg. Weiß ich, dass ein Ausweichen unmöglich ist, beginnt es in mir zu wirbeln, wobei diese Unruhe mich umgeben zu scheint. Mein ganzer Körper steht unter Strom – Energie, die bereit ist, auf die Konfrontation zu treffen. Es ist vielleicht eine Art Schutzmechanismus für einen bevorstehenden Kampf. Dieser Kampf ist jedoch unnötig und damit auch die überschüssige Energie.

Schritt 1: äußere Ruhe

Die Ruhe nach außen hin zu zeigen fällt mir deutlich leichter, als innerlich ruhig zu sein. Doch selbst die äußere Ruhe will geübt werden. Den Körper kann man jedoch recht einfach austricksen, indem man z.B. durch Atemübungen den Kreislauf stabilisiert. Das kann helfen, nach außen hin Ruhe auszustrahlen und in Stresssituationen beruhigend zu wirken. Aber ein sensibles Lebewesen lässt sich nicht täuschen. Ein Mensch lässt sich daher einfacher beeindrucken als unsere Vierbeiner. Nichtsdestotrotz ist die äußere Ruhe eine Voraussetzung für das Erlangen der inneren Ruhe.

Schritt 2: Loslassen

Mit dem Erlangen der äußeren Ruhe zwänge ich die wilden Gedanken und Gefühle in mein Innerstes. Es fühlt sich für mich wirklich so an, als wäre meine Haut nun sehr dick und nichts könnte von innen nach außen gelangen. Doch nun muss ich den Sturm, der in mir wütet, besänftigen. Warum eigentlich? Während der Zähmung meines jungen Wallachs war ich anfangs sehr aufgeregt – bei fast allen Dingen. Würde das Halftertraining heute klappen? Kann ich heute seine Beine berühren? Wird er sich anbinden lassen? Obwohl ich mich zu jeder Zeit ruhig verhielt, sah man meine Spannung in seiner Körperhaltung. Vieles klappte daher nicht – denn es gab für ihn kein Anzeichen, dass alles ok war. Ich war ja schließlich auch noch immer bereit für einen Kampf. Daher musste ich zunächst meine Vorstellungen und Pläne aufgeben. Das nahm mir den Erfolgsdruck und damit auch etwas von der Spannung. Doch das Loslassen war nur der erste Schritt.

Schritt 3: Unsicherheiten erkennen

Die innere Unruhe bestand nun größtenteils noch aus Unsicherheit. Ich war mir unsicher, wie ich mich diesem fremden Lebewesen gegenüber verhalten sollte – wollte ich es ja nicht ängstigen. Im Pferdetraining gibt es mehrere Herangehensweisen an das Zähmen. Eine Option ist dem Pferd von vorneherein zu zeigen, dass der Mensch ihm Gewalt androhen kann, wenn es ihm nicht gehorcht. Das mag hart klingen, ist aber die ungeschönte Tatsache. Pferde reagieren darauf, da kein Lebewesen Schmerz erleiden möchte. Zum Glück bedarf es bei dieser Methode nicht immer extremer Maßnahmen, da oft bereits andauernde/sich verstärkende Impulse als Ärgernis angesehen werden, dem das Tier entgehen möchte. Folge mir und du wirst keinen Schmerz (mehr) erleiden müssen.

Eine weitere Möglichkeit ist es, das Pferd für nützliche Verhaltensweisen zu loben. Auch hier wird mit Impulsen gearbeitet, die aber nicht als Androhung von etwas fungieren, sondern als Anreiz sich eine Belohnung zu verdienen. Reagiert das Pferd nicht auf einen Impuls, wird weder die Intensität erhöht, noch eine Strafe angedroht. Es wird schlichtweg die Herangehensweise geändert. Das Pferd hat sogar die Option, das Training an einem Tag komplett zu verweigern, weil es vielleicht noch einen besseren Zeitvertreib hat. Diese Art erfordert vom Trainer höchste Flexibilität und Kreativität und auch Losgelassenheit. Folge mir und du wirst belohnt werden.

Schritt 4: Konsequent bleiben

Eins haben beide Möglichkeiten gemeinsam: es muss konsequent gearbeitet werden. Konsequent sein gibt Sicherheit – für beide Trainingspartner. Ich entschied mich beim Kauf des jungen Wallachs, dass ich es über den straffreien Ansatz versuchen wollte. Obwohl es in der ersten Zeit nur langsam zu Fortschritten kam und ich schon überlegte, wieder auf die klassische Trainingsmethode zurückzugehen, blieb ich bei meinem Entschluss. Ich blieb konsequent dabei und das nahm mir meine Unsicherheit bezüglich des Verhaltens. Die wirbelnde Energie im Inneren flaute ab und wurde zu einer kleinen, kontrollierbaren Kugel.

Mit konzentrierter Energie arbeiten

Nun war ich äußerlich und innerlich ruhig geworden – mein junger Wallach hingegen noch skeptisch. Ungewohnte Bewegungen und Berührungen waren noch immer kleine Panikauslöser, doch mit der Zeit nahm das immer weiter ab. Während der Übungen war es ok, wenn er sich zurückzog oder das Bein wieder abstellte, es folgte keine Strafe. Ich ließ mich auf die Situationen ein, bereit meine Herangehensweise zu ändern, und nahm mir die Zeit, seine Reaktionen geschehen zu lassen. Und das war für mich der entscheidende Durchbruch. Mit dem Ankommen in der gegenwärtigen Situation und den Gedanken nur auf das Hier und Jetzt gerichtet wurden meine Reaktionen noch fließender. Meine Konzentration war ganz auf die Interaktion und meine Energie bestens auf die bevorstehende Übung gerichtet. Ich war kein wilder Fluss mehr, der einem gefährlich werden konnte, sondern ein ruhiger Bach, der einlud, eine Weile die Füße in ihm zu baden. Dieser Ruhe schloss sich mein junger Wallach an. Er wollte nicht in ständiger Angst vor mir sein, sondern sehnte sich nach Ruhe.

Und diese Ruhe suchen wir Menschen auch in unseren Mitmenschen. Ich halte mich lieber in der Nähe einer zur Ruhe gekommenen Person auf, als einer, die ständig (unnötig) Wirbel macht. Nicht zu vergessen ist dabei, dass auch eine energiereiche Person in sich ruhig sein kann und das eine ruhige Person innerlich aufgewühlt ist. Es geht darum, wie man die Energie einsetzt und auf andere damit wirkt.

Was denkt ihr zu Energiekontrolle und innerer Ruhe? Habt ihr Probleme dabei ruhig zu werden/ zu bleiben oder innere Ruhe zu finden?

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